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Pu Yi – Ich war Kaiser von China

2. Juli 2014

„Kaiser von China“ – das ist wieder so ein geflügeltes Wort, das veranschaulicht, wie unwirklich und fern China aus deutscher Sicht wirkt. Indem wir diesen Ausdruck verwenden, um eine Behauptung für abwegig zu erklären, rücken wir doch auch die damit bezeichnete Person in den Bereich des Märchenhaften: Niemand würde ernsthaft behaupten, er sei der Kaiser von China!

Und doch lebte bis 1967 noch ein Mann, der genau das behaupten konnte. Seine Autobiographie von 1964, deren deutsche Übersetzung durch Richard Schirach und Mulan Lehner 1973 beim Hanser Verlag erschien, ist noch immer erhältlich – mittlerweile als dtv-Taschenbuch. Ein wahrer kleiner Schatz für Chinafans!

Die Unwahrscheinlichkeit und Märchenhaftigkeit, die die Vorstellung vom chinesischen Kaiser umgeben, werden durch dessen Lebensgeschichte bestätigt – allerdings auf andere Weise als man vielleicht erwartet. Als Zweijähriger zum Kaiser bestimmt wächst Aisin Gioro Pu Yi (Pu Yi ist eigentlich nur der Vorname) nach außen hin weitestgehend abgeschottet in einer Art Scheinwelt, der „Verbotenen Stadt“, auf. Während sein direktes Umfeld nach uralten, rigiden Traditionen weiterhin das Kaiserreich inszeniert, ist das China drumherum schon bald keine Monarchie mehr. Das kaiserliche Selbstverständnis, das Pu Yi anerzogen wird, verkommt zur Farce, die für ihn wie für seine Umgebung gleichermaßen quälend zu sein scheint.

Als Kind und Heranwachsender genießt Pu Yi vordergründig die absolute Verehrung seiner Gefolgsleute und Macht über sie. Hintergründig ist jedoch auch er Opfer der höfischen Machtspiele und Intrigen, wie sie einer Soap-Opera alle Ehre machen würden. Später, als Kaiser von Mandschukuo sieht er sich von den Japanern als eigentlichen Machthabern fortwährend gegängelt und überwacht. Schließlich wird er als Kriegsverbrecher inhaftiert und zum guten, einfachen Bürger der kommunistischen Volksrepublik China „geläutert“. Anhand dieser Wechselfälle wird klar, dass Pu Yi zeitlebens Spielball diverser Mächte blieb.

Die selbstkritische bis sogar selbstironische Haltung des Erzählers Pu Yi macht die Autobiographie zu einer erfrischenden Lektüre. Dass sie vermutlich erst der kommunistischen Gehirnwäsche zu verdanken ist, gibt dem Ganzen wiederum einen bitteren Beigeschmack. Pu Yi als Protagonist wirkt dadurch aber nicht weniger sympathisch und seine Geschichte nicht weniger fesselnd. Durch den krassen Bruch mit der eigenen Vergangenheit wird aus dem Kaiser von China, dessen Welt der unseren in nichts zu gleichen scheint, ein Mensch von nebenan, eine Identifikationsfigur. Obendrein veranschaulicht sein Leben die vielen historischen Zusammenhänge, mit denen es verwickelt ist.

Mit dem Ziel, dem deutschsprachigen Leser den gleichen Eindruck zu vermitteln wie das chinesische Original dem seinen, haben die Übersetzer einige Anpassungen am Text (vornehmlich Streichungen von Wiederholungen) vorgenommen, was sie weitgehend einleuchtend begründen. Der Text an sich ist angenehm lesbar und schon in meiner alten Ausgabe angemessen lektoriert. Der recht umfangreiche Anhang, insbesondere die Abbildungen, erhöhen Verständlichkeit und Anschaulichkeit, wobei ich die Zeittafel und das Personenverzeichnis nicht konsultiert habe, sondern mir Lücken notfalls aus dem Kontext erschlossen habe. Lediglich mit der gut gemeinten Umschrift fürs Chinesische hatte ich meine Probleme. Schirach und Lehner verwenden eine eigenwillige Abwandlung der alten deutschen Standardumschrift. Obwohl sie ihre Abänderungen zu erklären und zu begründen versuchen, will mir das Prinzip partout nicht einleuchten. Beim Lesen konnte ich mich dennoch einigermaßen daran gewöhnen.

Mein Exemplar des Buches wurde mir übrigens antiquarisch geschenkt und riecht daher herrlich nach altem Buch. Das Cover ist natürlich rot – wie so viele Bücher mit Chinabezug – mit kaisergelber Schrift. Zu dieser Farbsymbolik darf sich jeder seine eigenen Gedanken machen.

Pu Yi: Ich war Kaiser von China. Mit Abbildungen. Herausgegeben und übersetzt von Richard Schirach und Mulan Lehner. München: DTV 2009.

528 Seiten

Geschmacksrichtungen

Humor 

酸 

Romantik 

Gehalt 

苦 苦 苦 

Spannung 

辣 

Jorkki

5. Juli 2014 um 21.05 Uhr

Oh ja, es klingt wirklich sehr seltsam, dass eine erfrischende Lektüre vermutlich einer Gehirnwäsche zu verdanken ist, brrks! Aisin Gioro hieß er? Das wusste ich gar nicht. Hört sich an wie eine Mischung aus Chinesisch und Japanisch. Ist das dann ein mandschurischer Name? Hätte ich vielleicht nicht (allerdings vor Jaaahren mal) zuerst den Film sehen sollen? Sollte ich mir auch mal so einen Zopf wachsen lassen? So viele Fragen ...

Andrea Kusel

5. Juli 2014 um 21.29 Uhr

Hej Jorkki! Ja, nicht wahr?! Allerdings wird die Gehirnwäsche erst im Nachwort als solche bezeichnet und erklärt. Sie verläuft im Buch auch deutlich subtiler als in Geschichten wie "Clockwork Orange" … Im Grunde – ohne zu sehr spoilen zu wollen – erkennt Pu Yi bei sich selbst Unzulänglichkeiten, deren Überwindung er dann mit den großartigen und segensreichen Kommunisten in Verbindung bringt … Nunja. Genau, der Name Aisin Gioro ist mandschurisch, denn die Qing-Dynastie war ja eine Mandschu-Regierung. Im Chinesischen wird der Name 爱新觉罗 Aixin Jueluo umschrieben, aber wie man ihn im Original ausspricht, weiß ich leider auch nicht. Den Film kenne ich (noch) nicht! Ist der sehenswert? Und was den Zopf angeht: Die Mandschu waren darüber erhaben, nur die Chinesen mussten ihn zur Qing-Zeit tragen. Heutzutage ist er optional. ;)

Jorkki

5. Juli 2014 um 22.56 Uhr

Das empfinde ich gar nicht als Spoiler. Hört sich interessant an. Witzig, die ersten beiden Zeichen kene ich sogar, und die werden auch im Japanischen Aishin umschrieben und gesprochen. :) War der Film sehenswert? Puh, gute Frage! Ich denke doch, ich würde ihn mir, nach einer eventuellen Lektüre des Buches, nochmal anschauen wollen. Seltsam, dass die weiter südlich lebenden von den "Nordmenschen" immer als Menschen soundsovielter Klasse behandelt werden. Das war doch schon während der Mongolenherrschaft so und ist auch in Indien (und Europa undundund...) nicht viel anders. Ach, ich lasse das mit dem Zopf. Das würde beim Laufen und bei der Arbeit nur stören. ;)

Andrea

6. Juli 2014 um 08.55 Uhr

Okay, der Film kommt auf meine Liste. Aber das mit den Nord- vs. Südmenschen lässt sich so, fürchte ich, nicht verallgemeinern. Die Chinesen haben sich ja lange mit der Großen Mauer die "nördlichen Barbaren" vom Hals gehalten – oder es versucht. Jedenfalls hielten sie nicht soo viel von denen. Ähnlich wie ja auch die alten Römer die Gallier für primitiv hielten. So ganz ohne Zaubertrank.