ÜbersetzungenBlogLinksImpressum

Mo Yan – Frösche

22. Mai 2014

Schon in einigen seiner Texte hat Mo Yan die vielfach widersinnigen Auswirkungen der chinesischen Ein-Kind-Politik beleuchtet. Mit „Frösche“ allerdings erreicht diese Auseinandersetzung einen zuvor nicht dagewesenen Umfang. Hier stellt er die Umsetzung und die Auswirkungen der sogenannten Geburtenplanung anhand einiger davon betroffener Figuren dar. Wie seine Leser es gewohnt sind, hält er sich an die Einzelschicksale der Bewohner seiner ländlichen Ortschaft Gaomi und blendet die größeren politischen Hintergründe aus. Auf diese Weise bleibt die Handlung persönlich und bietet dem Leser tiefe Einblicke in die Motive und inneren wie äußeren Konflikte aller Beteiligten: Das Dilemma derer, die im Sinne des Gesetzes Zwangsabtreibungen durchführen, aber auch die Nöte der Paare, von denen die Kultur die Geburt eines Sohnes verlangt, denen das Gesetz dafür aber nur einen einzigen Versuch einräumt. Eine so konzise, authentische und unterhaltsam-literarische Darstellung dieses großen chinesischen Themas ist – gerade für den deutschsprachigen Leser – schwer ein zweites Mal zu finden.

Vordergründig will der Ich-Erzähler, der sich als Schriftsteller Kaulquappe nennt, einem japanischen Kollegen in langen Briefen die Geschichte seiner Tante erzählen. Diese hat als fortschrittliche Hebamme lokale Berühmtheit erlangt und ist gleichzeitig als frühe Verfechterin der Geburtenplanung berüchtigt. Schließlich überschlagen sich aber die Ereignisse in Kaulquappes eigenem Leben und drängen sich in den Vordergrund seiner Erzählung, da er auf ungeahnte Weise in Konflikt mit dem Gesetz gerät. Seine Tante wird derweil von ihrem im Alter zunehmenden schlechten Gewissen ereilt.

Die ersten vier der fünf Bücher des Romans sind jeweils lange Briefe, die Kaulquappe seinem Kollegen schreibt, damit dieser sie zu einem Roman verarbeitet. Im letzten Buch erzählt er dann die Geschichte in Form eines absurden Theaterstücks zu Ende. Dieser Kunstgriff verleiht dem unvermeidlichen Handlungsverlauf eine starke Pointe, das tragische Ende wird durch die absurde Verzerrung erträglicher – sogar amüsanter als die narrativen Teile zuvor, die die Spannung aufgebaut haben. Beide Formen ergänzen sich hervorragend.

Der Roman erschien erstmals im Jahr 2009 unter dem Titel „蛙“ (Pinyin: wā; dt.: Frosch/Frösche) in Shanghai. Die deutsche Übersetzung folgte dann erst 2013. Der Hanser Verlag macht uns damit die Freude eines ziemlich sorgfältig korrigierten Textes, der mir auf tollem Papier gedruckt und in schön gebundener Form vorliegt. Mit dem Luxus eines Lesebändchens. Sogar das Bild auf dem Schutzumschlag passt hervorragend zum Inhalt. Ein Lesegenuss für alle Sinne.

Die Übersetzung ist Martina Hasse gut gelungen. Bemerkenswert ist beispielsweise, wie sie dem deutschen Leser den Vergleich der Babies mit Fröschen verständlich zu machen vermag, der auf einem chinesischen Wortspiel beruht. Das angehängte Glossar erklärt wichtige Anspielungen auf die chinesische Literatur und Geschichte. Allerdings habe ich manches dort doch vergeblich nachzuschlagen versucht. Die deutsche Übersetzung nimmt insgesamt den deutschen Leser ebenso ernst wie das Werk. D.h. für den Leser ist spürbar, dass er eine Übersetzung aus dem Chinesischen liest, doch die Geschichte ist für ihn gut verständlich, ansprechend und unterhaltsam.

Mo Yan: Frösche. Aus dem Chinesischen von Martina Hasse. München: Carl Hanser Verlag 2013.

512 Seiten

Geschmacksrichtungen

Humor 

酸 酸 

Romantik 

甜 

Gehalt 

苦 苦 苦 

Spannung 

辣 

S. L.

16. Juni 2014 um 19.28 Uhr

Toller Blog, gefällt mir auf Anhieb und ich möchte gerne noch mehr chinesische Buchtipps bekommen! Werde mir bald eines der vorgeschlagenen Bücher beschaffen :)

Andrea Kusel

16. Juni 2014 um 22.13 Uhr

Danke schön, S. L., für den tollen allerersten Kommentar in meinem Blog! Es freut mich sehr, wenn ich vielleicht eine kleine Leselust wecken konnte. :) Und keine Sorge, die nächsten Buchvorschläge sind schon im Anmarsch … !

Anouk

17. Juni 2014 um 21.57 Uhr

Liebe Andrea. Wow! Sieht super aus und macht mir direkt Lust mich mit einer eigenen Rezension zu beteiligen, aber erstmal bin ich gespannt, was du als nächstes rezensieren wirst! Würde mich freuen, wenn ich dann einen süß-sauren Newsletter bekäme ;) 加油!

U. K.

17. Juni 2014 um 22.17 Uhr

Große Klasse! Du hast es geschafft und ich werde mir wohl bald ein paar mehr Bücher chinesischer Autoren zu Gemüte führen, um dieses ferne Land in meiner Kopfwelt etwas komplexer werden zu lassen - auch wenn ich Mini-Frühlingsrollen liebe, selbstverständlich in ... genau dieser Soße!

Andrea Kusel

17. Juni 2014 um 23.36 Uhr

Anouk, danke schön für das Lob! :) Über eine Gastrezension von Dir würde ich mich wirklich sehr freuen! Die Newsletterfunktion steht ganz weit oben auf der To-Do-Liste. Sie wird hoffentlich pünktlich fertig, um bei der nächsten Rezension Alarm zu schlagen.

Andrea Kusel

17. Juni 2014 um 22.43 Uhr

Und U. K., auch über Deinen Kommentar freue ich mich total! Es ist so schön zu hören, dass die eigene Begeisterung etwas überschwappt … Und die Soße, die mir für das Foto auf der Willkommensseite Modell stand, schmeckt übrigens auch ganz hervorragend zu Frühlingsröllchen! :D

Jorkki

19. Juni 2014 um 22.03 Uhr

Toll, schönes Design, begeisternder Inhalt! Jetzt muss ich zwischen skandinavischer und japanischer Literatur unbedingt mal einen Stopp in der "Mitte" einlegen. ;) Mo Yan sicher auch bald, aber erstmal habe ich in meinen Regalen ein Deko-Teil entdeckt, dass sich bei genauerem Hinsehen als sehr schöne bibliophile Ausgabe von Lu Xun, "Die große Mauer" entpuppte und schon dabei ist, verschlungen zu werden. Danke für die Anregung! :)

Andrea Kusel

20. Juni 2014 um 10.43 Uhr

Danke Jorkki! Ich würde sagen, wenn ich mit der Rezension eines Buches von Mo Yan zur Ent-deko-fizierung eines Buches von Lu Xun ermuntern konnte, habe ich doch meine Mission fast schon erfüllt. Yay!